Das volkswirtschaftliche Kreislaufmodell

6. Dez 2011 | Gewerbe

Mit vielen Milliarden Geschäftsfällen am Tag wird die Bundesrepublik Deutschland zu den größten Volkswirtschaften gezählt. Kleine Ungereimtheiten am Markt können die Kaufkraft abschwächen, politische Entscheidungen können abschwächend oder fördernd wirken. Ich zeige Ihnen hier in 3 geeigneten Beispielen wie solch ein Wirtschaftskreislaufmodell arbeitet und wie man daraus Entscheidungen treffen kann.

Zuerst klären wir den Modellbegriff, der in Wikipedia folgendermaßen erklärt wird:

volkswirtschaftliche-kreislaufmodell © Fotolia.com

volkswirtschaftliche-kreislaufmodell © Fotolia.com

Ein Modell ist ein beschränktes Abbild der Wirklichkeit. Nach Herbert Stachowiak (Allgemeine Modelltheorie, 1973, s. Lit.) ist es durch mindestens drei Merkmale gekennzeichnet:

1. Abbildung – Ein Modell ist immer ein Abbild von etwas, eine Repräsentation natürlicher oder künstlicher Originale, die selbst wieder Modelle sein können.

2. Verkürzung – Ein Modell erfasst nicht alle Attribute des Originals, sondern nur diejenigen, die dem Modellschaffer bzw. Modellnutzer relevant erscheinen. Ein nicht verkürztes Modell wäre das Original.

3. Pragmatismus – Pragmatismus bedeutet so viel wie Orientierung am Nützlichen. Ein Modell ist einem Original nicht von sich aus zugeordnet. Die Zuordnung wird durch die Fragen Für wen?, Warum? und Wozu? relativiert. Ein Modell wird vom Modellschaffer bzw. Modellnutzer innerhalb einer bestimmten Zeitspanne und zu einem bestimmten Zweck für ein Original eingesetzt. Das Modell wird somit interpretiert.

4. Validität – ist ein viertes Merkmal, das Stachowiak nicht ausdrücklich benannt hat, von dem jedoch unterstellt werden muss, dass es unabdingbar dazugehört. Ein nicht valides Modell liefert ein falsches Abbild und führt zu Schlüssen, die dem pragmatischen Zweck zuwider laufen.

(Wikipedia.org externer Link Suchbegriff: Modell, Stand: 12.07.2011)

Kreislauf einer geschlossenen Volkswirtschaft

Das erste Merkmal bedeutet also, dass ein Modell der Wirklichkeit entsprechen muss, welches aber durch das zweite beschnitten wird, da ein Modell nur relevante Parameter und Funktionen wiedergeben muss. Das dritte Merkmal gibt den Spielraum für Interpretationen je nach Verwendungsart, also kann man z.B. in der Chemie Kohlenstoff-Kombinationen dicker darstellen, da sie für den Unterricht wichtiger sind. Das vierte Merkmal bedeutet, dass es im Modell kein Widerspruch zum Original geben darf.

Übertragen wir diese Merkmale nun auf unseren Wirtschaftskreislauf. Dafür müssen wir aber erst die Größen kennen, die unser Modell darstellen soll. Beginnen wir mit den einfachsten Wirtschaftseinheiten, nämlich den Unternehmen und den Haushalten. Überlegen wir uns nun was die beiden Wirtschaftseinheiten mit einander zu tun haben. Als erstes der Haushalt. Der Haushalt stellt seine Arbeitskraft zur Verfügung und erhält dafür vom Unternehmen Einkommen. Diese Einkommen wird entweder Volkseinkommen oder einfach nur Y genannt. Gehen wir nun davon aus, dass es in diesem Modell keine Bank gibt und niemand spart, konsumiert das Volk das erhaltene Volkseinkommen zu 100%. Diese Größe nennt man Konsum der Haushalte oder CH. Das wäre der stationäre Kreislauf, wäre da nicht der Verschleiß der Unternehmen, also die Abschreibungen (= Wertverlust eines Kapitalgegenstandes, z.B. ein Auto). Um das Kapital in dieser Volkswirtschaft zu erhalten muss das Unternehmen Ersatzinvestitionen oder Ie tätigen. Achten Sie darauf, dass hier nur Geldströme angezeigt werden, keine Warenströme!

  • Unternehmen an sich = Ie
  • Unternehmen an Haushalt = Y
  • Haushalte an Unternehmen = CH

Dies ist der einfachste Wirtschaftskreislauf den man sich nur vorstellen kann. Hier bewegt sich das Geld nur hin und her, ohne, dass eine andere Instanz beeinflussen kann. Dies wird stationärer Kreislauf genannt, da es hier keine Entwicklung gibt, also keine Evolution wie im nächsten Kreislaufmodell, das Modell der evolutorischen Volkswirtschaft.

Der Unterschied zum Beispiel oben ist das Inkrafttreten einer weiteren Instanz, der Bank. Die Bank wird hier aber nicht Bank oder B genannt, sondern VV für Vermögensveränderung. Nun kommt hinzu, dass die Haushalte sparen können und die Unternehmen Kredite aufnehmen können. Das Sparen der Haushalte wird mit SH abgekürzt, die Kreditaufnahme der Unternehmen, auch Netto- oder Erweiterungsinvestitionen genannt, wird mit In abgekürzt.

  • Unternehmen an sich = Ie
  • Unternehmen an Haushalt = Y
  • Haushalte an Unternehmen = CH
  • Haushalte an Vermögensveränderung = SH
  • Vermögensveränderung an Unternehmen = In

Anbei können wir auch gleich festhalten, dass die Summe aus Netto- und Ersatzinvestitionen auch Bruttoinvestitionen genannt werden. Dieser Kreislauf ist auf jeden Fall realitätsnäher, da Geld- und Sachvermögen gebildet werden kann.

Das nächste Modell enthält einen Sektor mehr, nämlich den Staat. Der Staat hat wie im normalen Leben, die Aufgabe Steuern zu kassieren und Unternehmen und Haushalte zu unterstützen. Neu hinzugekommen sind also ZU und ZH als Transferzahlungen an Unternehmen bzw. an die Haushalte, CSt als der Konsum des Staates (z.B. der Bau von Straßen durch private Unternehmen, Tind und Tdir als indirekte Steuern bzw. direkte Steuern und SSt als das Sparen des Staates. Das verfügbare Einkommen (also: Y + ZH – Tdir) ist eine sehr wichtige Größe in der Volkswirtschaft, da hierdurch die Konsum- und Sparquote errechnet werden können. Die Konsumquote ist der Anteil des Konsums am verfügbaren Einkommen, der Rest wird als Sparquote bezeichnet. In unserem Modell hält sich auch der Staatshaushalt die Waage, sodass weder gespart werden kann, noch ein Kredit aufgenommen werden muss.

  • Unternehmen an sich = Ie
  • Unternehmen an Haushalt = Y
  • Unternehmen an Staat = Tind
  • Haushalte an Unternehmen = CH
  • Haushalte an Vermögensveränderung = SH
  • Haushalte an Staat = Tdir
  • Vermögensveränderung an Unternehmen = In
  • Staat an Haushalt = ZH
  • Staat an Unternehmen = ZU
  • Staat an Vermögensveränderung = SSt

Wir sind nun dem Kreislauf der Wirklichkeit sehr nahe. Aber eine Volkswirtschaft handelt nicht nur untereinander, sondern auch mit anderen Volkswirtschaften, also dem Ausland.

Das Ausland wird als ganzes gesehen und nicht in verschiedene Regionen oder Länder unterteilt. Die Ströme X für Export und M für Import führen zum Unternehmen hin bzw. weg. Die Differenz zwischen Export und Import nennt man Außenbeitrag. Ist die Differenz positiv, so ist der Außenbeitrag positiv und Geld strömt in die Volkswirtschaft. Ist er hingegen negativ, strömt Geld aus der Volkswirtschaft aus.

Eine Gefahr des ständigen positiven Außenbeitrags wäre die importierte Inflation, d.h. Geldmengenerhöhung durch den Handel mit dem Ausland. Eine Gefahr des ständigen negativen Außenbeitrags ist der Verlust von Devisen, was vor allem weichen Devisenländern zum Verhängnis werden kann, da sie dann keine Zahlungen mehr an das Ausland leisten können.

In unserem Beispiel sind die Ströme Export und Import ausgeglichen und somit findet kein Geldaustausch zwischen dem Ausland und den Vermögensveränderungen statt. Wäre der Export größer als der Import würden Geldströme in das Land fließen, wäre der Import größer, würden Devisen abfließen.

  • Unternehmen an sich = Ie
  • Unternehmen an Haushalt = Y
  • Unternehmen an Staat = Tind
  • Unternehmen an Ausland = M
  • Haushalte an Unternehmen = CH
  • Haushalte an Vermögensveränderung = SH
  • Haushalte an Staat = Tdir
  • Vermögensveränderung an Unternehmen = In
  • Vermögensveränderung an Ausland = M > X
  • Staat an Haushalt = ZH
  • Staat an Unternehmen = ZU
  • Staat an Vermögensveränderung = SSt
  • Ausland an Unternehmen = X
  • Ausland an Vermögensveränderung = X > M

Um die Darstellung etwas zu vereinfach können wir diese Pfeile auch als mathematische Formeln darstellen:

  • Zuströme
  • Zuströme Haushalt: Y + ZH
  • Abströme Haushalt: Tdir + CH + SH
    Zuströme Unternehmen: Ie + CH + CSt + ZU + X + In
  • Abströme Unternehmen: D + Y + Tind + M
  • Sektor Vermögensveränderung: SSt + SH + (X-M)
  • Zuströme Staat: Tdir + Tind (+SSt – bei Kreditaufnahme)
  • Abströme Staat: ZH + ZU + CSt (+ SSt – bei Sparmaßnahmen oder Kredittilgung)
  • Zustrom Ausland: X
  • Abstrom Ausland: M

Zuerst eine kleine Definition: Bruttowertschöpfung ist die Gesamtheit aller in einer Volkswirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen.

Gesamtwirtschaftliches Angebot = Gesamtwirtschaftliche Nachfrage

Bruttowertschöpfung + Importe = Konsum der Haushalte + Konsum des Staates + Bruttoinvestitionen + Exporte

Bruttowertschöpfung = Konsum der Haushalte + Konsum des Staates + Bruttoinvestitionen + Exporte – Importe

Bruttowertschöpfung = Bruttoinlandsprodukt

Sehen wir uns nun an welche Zusammenhänge zwischen dem Angebot und der Nachfrage bestehen.

Annahme a)
Die Nachfrage steigt bei nicht ausgelasteten Kapazitäten

Wirkung: Umsätze steigen, Auftragseingänge steigen, Absatz- und Gewinnaussichten steigen Lagerabbau
Produktion steigt, Kurzarbeit sinkt, Überstunden steigen, Zeitarbeit steigt, Zahl der offenen Stellen steigt, Einstellung von Arbeitskräften
Beschäftigung steigt
Volkseinkommen steigt
Der Konsum der Haushalte steigt, Bruttoinvestitionen steigen
Expansive Effekte – Kreislauf beginnt von vorne

Annahme b)
Die Nachfrage steigt bei zunehmender Auslastung der Kapazitäten

Wirkung: Überbeschäftigung (Überstunden steigen, Arbeitskraftmangel, Lieferfristen steigen, Löhne steigen)
Löhne steigen
Preise steigen durch höhere Lohnkosten
Lohn-Preis-Spirale und inflationäre Prozesse – Kreislauf beginnt von vorne
Nachfragesteigerung führt also zu expansiven Effekten
Produktionssteigerung (Realausgleich)
Preissteigerung (monetärer Ausgleich)

Annahme c)
Die Nachfrage sinkt

Wirkung: Umsätze sinken, Preisniveaustillstand bzw. geringer Anstieg
Lageraufbau, Produktion sinkt (Überstunden sinken, Zeitarbeit sinkt, Kurzarbeit steigt, Entlassungen)
Beschäftigung sinkt
Volkseinkommen sinkt
Konsum der Haushalte sinkt und Bruttoinvestitionen sinken
Kontraktive Prozesse – Kreislauf beginnt von vorne

Schlussnotiz: Zusammenfassend kann man sagen, dass Sie nun in der Lage sind, wirtschaftspolitische Entscheidungen besser bewerten können. Natürlich sind das hier lediglich Modelle, die nicht immer unbedingt zutreffen müssen.

Nehmen wir an, dass eine Volkswirtschaft die Steuern von 19% auf 16% senkt. Dies hätte laut diesen Modellen zur Folge, dass die Preise sinken, somit sollte der Konsum der Haushalte steigen. In Annahme a) würden expansive Effekte die Folge sein und so die Nachfrage steigen. Hier gibt es nur ein Problem, nämlich den Konsum der Haushalte. Konsumieren Haushalte weniger als geplant, so bleiben die Effekte aus.

Nehmen wir aber jetzt das Gegenteil an, nämlich, dass die Steuern steigen, hätte es zur Folge, dass die Preise steigen und somit der Konsum der Haushalte sinkt. Diese in Annahme c) gezeigten Effekte müssen aber nicht auftreten, sollten die Bürger trotzdem unbehelligt weiter konsumieren.

(Autor: Knuelle)